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Gemeinschaft Ortsbild Roßwag e.V.

Spurensuche im "Laihle"

In historischen Urkunden aus dem 14. Jahrhundert wird neben der Burg Altroßwag, deren Reste auf einem Felsen am linken Ufer der Enz zwischen Mühlhausen und Roßwag zu finden sind, auch eine Burg Neuroßwag erwähnt. Diese Burg soll sich auf der rechten Enzseite befunden haben und bereits zum Ende des 14. Jahrhunderts abgegangen sein.

Steinriegel im Laihle
Steinriegel im Laihle

Allerdings stand Neuroßwag immer im Schatten ihrer älteren Schwester vom linken Enzufer. Ernst Gottlob Lechler, der ab 1928 in Roßwag als Pfarrer wirkte, veröffentlichte 1938/39 eine ausführliche Beschreibung der interner Link Roßwager Geschichte als Artikelserie im damaligen Enzboten. Allein sieben Folgen sind der Burg Altroßwag gewidmet; über Neuroßwag finden wir jedoch nur wenige Zeilen. Demnach befand sie sich "südlich der Enz, eine Viertelstunde vom Ort auf einer kleinen Anhöhe über dem heutigen Wäldchen". Allerdings hätte sie diesen Platz mit der Nikolauskapelle teilen müssen, die, bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erwähnt, im Zuge der Reformation abgetragen wurde und deren Überreste heute noch dort zu finden sind. Von einer Burg gibt es an dieser Stelle jedoch keine Spur. Auch die Vaihinger Oberamtsbeschreibung von 1856 erwähnt Neuroßwag, schweigt sich aber über deren Lage aus. externer Link Fritz Burkhardt, Kenner und Chronist der Roßwager Geschichte, hat dies in seiner Veröffentlichung interner Link "Wo's den Mönchen schon gefallen" folgendermaßen kommentiert: "... für [Neuroßwag] gibt es keine Beweise, keinen Bauherrn, keinen Platz, kein Datum ... 'Burg und Veste Neuroßwag' hat es nie gegeben".

Flurkarte von 1833
Flurkarte von 1833

Was aber, wenn die verschollene Burg Neuroßwag bisher an der falschen Stelle vermutet worden ist? Bauherr und Datum sind auch bei Altroßwag unbekannt, trotzdem ist ihre historische Realität unbestritten, weil sie deutliche Spuren an ihrem Standort hinterlassen hat. Vielleicht sollte man Neuroßwag an einem anderen Ort suchen, z.B. einige hundert Meter weiter südlich im Waldgebiet Laihle, dem letzten östlichen Ausläufer des "Großen Waldes" entlang des Südufers der Enz. Dort, am Ende eines kleinen Plateaus, das sich von der Großglattbacher Höhe aus in nördliche Richtung hinzieht, findet man mehrere dick mit Moos überzogene Steinriegel, wie sie sonst im Laihle nicht vorkommen. Sie bestehen möglicherweise aus alten Mauerresten. Daneben gibt es weitere Spuren einer früheren Bebauung, so z.B. deutliche Terrassierungen am Ende des Plateaus.

Selbst bei den Roßwagern gibt es keine Erklärung für die Herkunft dieser baulichen Spuren. Deshalb sei hier eine Spekulation erlaubt: Handelt es sich um Reste der Burg Neuroßwag, die beim Verkauf durch das Haus Württemberg an das Kloster Maulbronn im Jahr 1394 abgebrochen wurde? Dann hätte dieses kleine Waldstück, von Einheimischen manchmal als "letzter Zipfel des Schwarzwaldes" bezeichnet, neben den bekannten Grabhügeln aus keltischer Zeit noch weitere geschichtlich interessante Funde zu bieten.

alter Grenzstein mit Tierfigur
alter Grenzstein mit Tierfigur

In der Flurkarte von 1833 (und auch noch in aktuellen Flurkarten) fällt genau an dieser Stelle ein relativ großes zusammenhängendes Flurstück auf, während der umgebende Bereich wie überall im Großen Wald klein parzelliert ist. In der Umgebung findet man mehrere Grenzsteine mit der Darstellung eines Tieres. Der Historiker Dr. Otto-Heinrich Elias beschreibt ein Wappen am ehemaligen Maulbronner Pfleghof in seinem Heimatort Kleinglattbach mit einer ganz ähnlichen Tierdarstellung. Ihm verdanken wir den Hinweis, daß es sich hierbei möglicherweise nicht um den Kleinglattbacher Hasen, sondern um das Maultier handeln könnte, das der Sage nach bei der Gründung des Klosters Maulbronn eine entscheidende Rolle gespielt haben soll. Auch hier bietet sich eine solche Deutung an: Das Kloster, seit 1394 im Besitz von Neuroßwag, hat mit solchen Steinen vermutlich sein Eigentum gekennzeichnet.

Eigentlich ist es kaum vorstellbar, daß sich hier, mitten im Wald, Spuren einer alten Burgstelle seit über 600 Jahren wie auf dem Präsentierteller darbieten, und keiner hat hingeschaut. Anderseits paßt dies zum Schicksal der von der Geschichtsschreibung bisher weitgehend vergessenen Burg Neuroßwag. Die Steinriegel stellen dann möglicherweise den kümmerlichen Rest der einst stolzen Burg dar, die nach ihrer Zerstörung lange Jahre als Steinbruch für die Dorfbewohner zum Bau ihrer Häuser gedient hatte.

Vielleicht erbarmt sich irgendwann einmal das externer Link Referat Denkmalpflege im Regierungspräsdium und sieht nach?!

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